Erosion der Bäderlandschaft

Im Sommer diesen Jahres feiert die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft ihr 100jähriges Bestehen. Ausbalanciert zwischen Freizeitvergnügen und gemeinnützigem Ehrenamt, zählt sie heute zu den vitalsten und mitgliederstärksten Vereinen der Republik. Soweit gute Voraussetzungen für ein frohes, ein rauschendes Fest. Würde dieses Bild nicht zugleich getrübt, durch eine Entwicklung, die nicht nur die DLRG im Großteil ihrer selbst auferlegten Aufgabenfelder berührt: Eine um sich greifende Welle an Gefährdungen und Schließungen von öffentlichen Bädern.


Beschleunigt und flächendeckend.
Eine Entwicklung, die sich gerade in den vergangenen fünf Jahren beschleunigt hat und die keinesfalls Halt macht vor den Kommunen finanziell solide aufgestellter Bundesländer wie die Beispiele Bayern und Baden-Württemberg zeigen und sie jüngste Zahlen belegen.
Zuletzt auf Bundesebene angestellte Erklärungsversuche (so durch das Ministerium für Wirtschaft und Technologie), der Rede von einem ›Strukturwandel der Bäderlandschaft‹, hin zu einem Mehr an privat getragenen (Spaß-)Bädern, und der Behauptung eines daraus resultierenden Zuwachses an Bädern gar, stehen die Anzahl der faktische Schließungen von öffentlichen Bädern und eine Vielzahl gesellschaftlicher Engagements auf kommunaler Ebene, als Ausdruck der legitimen Besorgnis, eindrucksvoll entgegen.


Der feine Unterschied.
Kommerziell ausgerichtete Spaßbäder, sind keine öffentlich getragenen Schwimm- und Hallenbäder. Steht bei Spaßbädern der Event-Charakter im Vordergrund, die mit Freunden und im Familienverbund dementsprechend zu besonderen Anlässen aufgesucht werden, ist bei öffentlichen Schwimmbädern gerade das alltägliche Moment charakteristisch.
Erosion der Bäderlandschaft.
Eine mögliche Einbindung in den Alltag (schon rein preislich) wie auch die hier mögliche sportliche Betätigung in allen Facetten ist nur in den öffentlichen Bädern möglich.
Eine gezielte Heranführung, unter kundiger Anleitung der DLRG, kann nur dort geschehen, wo die Ressourcen (Sportbecken und Ruhephasen) gewährleistet sind und geschont werden. Und dies nicht zuletzt in beiderseitigem Interesse: Die DLRG leistet Jahr für Jahr unzählige Stunden an ehrenamtlicher Aufsicht in den Bädern, war bisher verlässlicher, dabei kompetenter wie preiswerter Partner, um so im Gegenzug die Möglichkeit zu besitzen Schwimmanfänger- und Fortgeschrittenen-Kurse durchzuführen zu können (und weitere Stunden im Ehrenamt zu leisten). Spaßbäder sind als Ergänzung und frohe Ausflüge mit Freunden und Familen geeignet, nicht als gleichwertiger Ersatz für öffentliche Bäder. Jede Schließung ist ein schmerzhafter Verlust an Freizeitwert mit Sinn, eine Aufkündigung bewährter Partnerschaften und Strukturen und nicht zuletzt mittel- und langfristig Kampfansage an die Chancengleichheit im Kleinen.


Gleichlautendes Interesse und soziale Ungleichheit.
Öffentliche Schwimm- und Hallenbäder sind dem Schwinden begriffen, ein selbes lässt sich nicht von dem anhaltenden Interesse am kühlen Nass sagen. Gerade in den Sommermonaten. Ein Interesse, das alle Altersgruppen und Bestandteile der Gesellschaft eint, in naher Zukunft möglicherweise geeint haben könnte.
Der Aufenthalt in Bädern wie die Schwimmfähigkeit stehen in engem Zusammenhang mit den beiden Faktoren des Bildungsstands und der Höhe des Einkommens, die einen Zugang zu rein kommerziell ausgerichteten Spaßbädern und somit zumindest dem bloßen Kontakt mit der Materie Wasser, wenn zumeist auch ohne Sportbecken, vollends im Wege stehen. 
Welche Möglichkeit verbleibt? Wo ›natürliche‹ Ausweichmöglichkeiten gegeben sind, beispielsweise in Form von Seen und Flüssen, finden diese statt. Und enden in unbefestigten und unbeaufsichtigten Gewässern nur allzu oft fatal.

Weitere Risiken.
Ein weiteres kommt hinzu: Die gleichzeitige Rückläufigkeit der Fähigkeit zu Schwimmen, zum Teil in unglücklicher Verbindung mit mangelndem Bewusstsein über die Tücken des kühlen Nass. Waren die Zahlen der Schwimmanfänger in jungen Jahren bereits in der nahen Vergangenheit schwankend und rückläufig, ist hier, durch den Ausfall geeigneter Schwimm- und Ausbildungsstätten, mit einer Verschärfung zu rechnen.  



Ein Rück- und Ausblick.
Die Gründung der Deutschen-Lebensrettungsgesellschaft vor rund 100 Jahren und den Eindrücken der Ereignisse in Binz vollzog sich, um gemeinsam Bewusstsein zu schaffen und Aufklärung zu zu stiften. Ziel war es so die Freude an der gemeinsamen Betätigung am und im Wasser sicherstellen zu können. Bereitwillige, geschulte Helfer und Interessenten an der nassen Materie zusammenzuführen - wird dies in Zukunft noch möglich sein?

 

fbb